6. Viehzählung

Ende Dezember 1960 gab es laut staatlicher Viehzählung in Germering noch 10 Pferdehalter mit insgesamt 13 Rössern. 44 Betriebe hielten 562 Rindviecher, darunter 402 Milchkühe und 2 Kühe „zur Milchgewinnung und Arbeit“, 2 Zuchtbullen, 6 „Zugochsen u. Zugstiere“. Auch wenn einige der Pferdebesitzer diese sicher bloß noch aus Anhänglichkeit oder Renommee behalten haben, weil man früher im Dorf nur wer war, wenn man Pferde einspannen konnte, bedeutet das, dass mindestens eine Handvoll Bauern weiter Tiere vorgespannt haben: Acht Rinder mussten noch Zugdienste leisten, obwohl selbst wir schon seit Jahren einen Bulldog hatten.

Beim Schmied wurden damals nicht nur Pferde beschlagen, sondern gelegentlich auch mal ein Ochse. Die Zugkraft von Tieren war bis in die Fünfziger Jahre, als sich auch kleinere Bauern einen Schlepper leisten konnten, für die bäuerliche Arbeit unverzichtbar. Wenn allerdings die Fläche nicht ausreichte, um Futter für Pferde oder Ochsen zu erzeugen, und du Milchkühe einspannen musstest, wie meine Oma früher in Alling, ging es schon ziemlich eng zu. Trotzdem es ging noch ein paar Stufen ärmer: Gerade unter dem „fahrenden Volk“ waren früher einige, die auch Kleintiere einspannten, einen Hund oder eine Ziege, also die sprichwörtliche Schneidergoaß. „Schneider, Schneider, meck, meck, meck“, riefen wir als Kinder spöttisch und machten dabei eine meckernde Ziege nach – auch wenn wir solche Gespanne nur noch aus Bilder- und Märchenbüchern kannten.

Nutztierarten- und Nutztierhaltervielfalt

Abgesehen von solchen Raritäten wie Zugtieren waren die Tierbestände überhaupt recht vielfältig. Immerhin 36 Schweinehalter hielten noch Schweine, insgesamt jedoch bloß 191 Stück. Da werden viele nicht für den Verkauf, sondern zu Hausschlachtung und Selbstversorgung gemästet worden sein. Selbst 15 Zuchtsauen gab es noch im Dorf, das heißt, dass einige Bauern Ferkel erzeugt und verkauft haben. Aber Eber wurde Ende 1960 keiner mehr verzeichnet. Doch mindestens im Jahr davor hab ich noch einen gesehen, nämlich beim Schaber auf der Weide und im Stall hinter seinem Bretterverschlag. Die Angst, die mir da eingejagt wurde, vergisst du nicht so leicht.

Schafe hielt in diesen Jahren niemand, nur im Herbst kam der Wanderschäfer mit seiner Herde durch. Dafür hatten drei Ziegenhalter insgesamt 7 weibliche Ziegen, die sprichwörtliche Kuh des kleinen Mannes. Hühner gab es praktisch auf jedem Hof: auf 42 Betrieben tummelten sich 1004 Hühner; davon waren die Hälfte Legehennen, sprich: da gab es Eier, gegebenenfalls auch zum Verkauf. 39 Hühner oder Hähne wurden gemästet, vermutlich ausschließlich zum Eigenverzehr, und der große Rest war Nachzucht, also Biberl oder Hennen unter einem Jahr.

Außerdem wurde gerade mal ein Truthahn gezählt. Nachdem die Angaben Ende Dezember notiert wurden, kann sein, dass die andern Puten schon ihr Schicksal als Weihnachtsbraten erlitten hatten. Enten oder Gänse hatte zu diesem Zeitpunkt ebenfalls schon niemand mehr, jedenfalls im Moment der Viehzählung. Daran kann genauso Weihnachten oder davor Martini daran schuld sein. Denn wie gesagt, an die Gänse vom Lenzbaurn hab ich eine äußerst lebhafte Erinnerung.

Weichen statt Wachsen

Immerhin sind noch 108 Bienenvölker aufgeführt. In Summe bedeutet das, dass die meisten Nutztierarten die rasanten Veränderungen der Fünfziger Jahre überlebt hatten. Aber nun ging es ja erst richtig los mit der Spezialisierung: Jeder Betrieb konzentrierte sich, wie das die staatliche Landwirtschaftsberatung empfahl und mittels Fördermittel beeinflusste, allenfalls noch auf einzelne Haltungsformen: Die meisten kleinen Tierhalter gaben den Betrieb ganz auf, und damit auch jede Viehhaltung; selbst Hühner und Bienen, für die bereits ein größerer Garten ausgereicht hatte, wurden jetzt abgeschafft.

Die großen Bauern, sofern sie weiterwirtschaften, bewirtschaften als erste viehlose Betriebe oder halten nur noch Mastrinder. Ab da werden dann immer größere Bestände von immer weniger Arten von immer weniger Betrieben aufgestockt. Allerdings treibt es die Germeringer Viehbestände nie in diese Größenordnungen, die sonst überall üblich werden. Denn Landwirtschaft ist für unsere Bauern längst nicht mehr die einzige Einnahmequelle. In den Neunziger Jahren, auch als Folge der Milchkontingentierung, die das agrarpolitische Motto „Wachsen oder Weichen“ konsequent umsetzte, erfolgt ein weiterer dramatischer Einschnitt: Die meisten der übrig gebliebenen Betriebe, die noch Nutztiere halten, geben jetzt auch auf. Heute gibt es im Altdorf bloß eine gute Handvoll Viehhalter, mit überschaubaren Beständen von Mastvieh, Hühnern oder Pensionspferden, und in ganz Germering genau noch einen Milchbauern – und angeblich auch noch einen in Unterpfaffenhofen.

Veröffentlicht von SeppDuerr

info@sepp-duerr.de

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